Warum selbstgenähte Kleidung häufig nicht richtig passt

„Irgendwie sitzt es nicht richtig…“
„Irgendwie sieht es komisch aus…“
„So richtig wohl fühle ich mich nicht...“

Kennst du diese Gedanken?

Du hast dir ein Kleidungsstück genau nach Anleitung genäht – und trotzdem sieht es am Ende nicht so aus, wie du es dir vorgestellt hast.

An der einen Stelle spannt es, an der anderen Stelle sitzt es zu locker. Hier und da sind komische Falten. Du weißt nicht wo sie herkommen und was du dagegen tun kannst.

Auf den Fotos sah das Kleidungsstück doch so toll aus!

Jetzt bist du frustriert und überlegst, ob es an dir liegt, ob Kleidung nähen überhaupt noch Sinn macht oder ob du dir lieber ein anderes Hobby suchen solltest.

Der zentrale Irrtum

Viele Hobbynäherinnen gehen ganz selbstverständlich von einer Sache aus:

Wenn ich sorgfältig arbeite und mich genau an die Anleitung halte, wird das Kleidungsstück am Ende auch gut passen.

Das klingt ja auch absolut logisch: Du druckst das Schnittmuster richtig aus, schneidest exakt zu, nähst ordentlich – warum sollte es dann nicht passen?

Doch genau hier liegt der entscheidende Denkfehler.

👉🏼 Passform entsteht nicht beim Nähen. Passform entsteht im Schnitt.

Das bedeutet:
Wenn der Schnitt nicht zu deinem Körper passt, kannst du noch so präzise nähen. Das Ergebnis wird trotzdem nicht richtig sitzen.

Jeder Konfektionsschnitt basiert auf standardisierten Körpermaßen – einem Durchschnitt, der in der Realität so gut wie nie exakt vorkommt.

Und genau deshalb passt ein Schnittmuster selten auf Anhieb perfekt.

Das hat nichts mit deinen Nähfähigkeiten zu tun. Und auch nichts damit, dass dein Körper „schwierig“ oder gar „unförmig“ ist.

Es ist einfach die logische Folge davon, dass ein standardisierter Konfektionsschnitt auf einen individuellen Körper trifft.

Die häufigsten Gründe dafür

Grund 1: Du wählst einfach „deine Größe“

Viele gehen ganz selbstverständlich so vor:
Du kennst deine Konfektionsgröße – zum Beispiel 40 – also wählst du beim Schnittmuster ebenfalls Größe 40.

Vielleicht passt dir diese Größe bei gekaufter Kleidung in deinen Lieblingsläden oder bei einem anderen Schnittmuster-Label immer.

Also ist es doch logisch, dass diese Größe richtig ist.

Das Problem ist nur: Konfektionsgrößen sind nicht genormt.
Jeder Hersteller arbeitet mit eigenen Maßtabellen.

Eine Größe 40 ist also nicht automatisch überall gleich.

👉🏼 Das bedeutet:
Selbst wenn dir Größe 40 bei einem Schnittmuster passt, kann sie bei einem anderen schon ganz anders ausfallen.

Grund 2: Du misst – aber nicht ganz korrekt

Vielleicht gehst du schon einen Schritt weiter und nimmst Maß.
Das ist grundsätzlich genau richtig.

Aber:
Schon kleine Ungenauigkeiten beim Messen haben große Auswirkungen.

Typische Stolperfallen:
    • Es wird zu locker oder zu fest gemessen
    • Die falsche Stelle wird erwischt (z. B. Hüfte etwas zu hoch oder zu tief)
    • Das Maßband sitzt nicht ganz waagerecht

Das Problem dabei:
👉🏼 Wenn du von einem falschen Körpermaß ausgehst, wählst du automatisch die falsche Konfektionsgröße aus.

➡️ Wie du die drei wichtigsten Körpermaße richtig ausmisst, erfährst du in diesem YouTube-Video.

Wenn du nicht immer erstmal ein Probeteil nähst, sondern direkt den „richtigen“ Stoff zuschneidest, merkst du, dass etwas nicht stimmt erst, wenn du das Kleidungsstück bereits zusammen genäht hast und anziehst.

Nur dann ist es leider oft zu spät, weil die nötigen Anpassungen nicht mehr möglich sind.

Grund 3: Deine Maße passen nicht zur Maßtabelle

Wenn du dich ausgemessen hast und deine ermittelten Körpermaße mit der Körpermaßtabelle des Schnittmusters vergleichst, findest du deine Maße in der Regel bei zwei oder sogar drei verschiedenen Konfektionsgrößen wieder.

Warum ist das eigentlich so?

Die Maßtabellen basieren auf sogenannten Reihenmessungen. Dabei werden viele Körper vermessen und daraus Durchschnittswerte gebildet.

Das Ergebnis ist ein „Standardkörper“, der eine Orientierungshilfe bei der Erstellung von Schnittmustern und Bekleidung liefern soll.

In der Realität gib es diesen Standardkörper also eigentlich nicht. Niemand entspricht von Kopf bis Fuß exakt den Maßen einer Konfektionsgröße!

Jeder Mensch hat individuelle Proportionen.

👉🏼 Möchtest du also nicht nur weite Kleidung aus elastischen Stoffen nähen und tragen, sondern gerne auch mal etwas figurbetontes aus festen Stoffen, musst du dein Schnittmuster an deine Maße anpassen.

Grund 4: Maße werden zu oberflächlich betrachtet

Du hast deinen Körper vermessen, festgestellt, dass deine Körpermaße in verschiedene Konfektionsgrößen fallen und weißt, dass du Anpassungen an deinem Schnittmuster vornehmen musst.

Wenn du an diesem Punkt angekommen bist, hast du schon ganz viel verstanden und bist auf einem guten Weg zu passender Kleidung.

Doch da gibt es noch eine wichtige Sache, die viele komplett unterschätzen!

Oft wird nur auf das Gesamtmaß geschaut:
    • Körpergröße
    • Brustumfang 
    • Taillenumfang 
    • Hüftumfang 

Aber das allein reicht jedoch nicht aus.

Ein Beispiel:
Zwei Personen haben den gleichen Brustumfang, aber völlig unterschiedliche Verteilungen:
    • mehr Brust in Form eine größeren Cup-Größe 
    • oder mehr Breite im Rücken 

Ein Konfektionsschnitt unterscheidet das nicht. In der Regel wird von einem B-Cup und einer durchschnittlichen Rückenbreite ausgegangen.

Oder ein anderes Beispiel:
Die Körpergröße stimmt, aber die Verteilung ist unterschiedlich:
    • längerer Oberkörper, kürzere Beine 
    • oder umgekehrt 

Die Taille deines Kleides sitzt dann plötzlich zu hoch / zu tief oder die Hose ist zu kurz / zu lang.

Das Ergebnis:
Das Kleidungsstück passt „irgendwie nicht“ obwohl die Gesamtmaße auf dem Papier richtig waren.

Da reicht es leider auch nicht die einzelnen Größen am Schnittmuster miteinander zu verbinden. Denn dadurch wird das Kleidungsstück nur über die Seitennähte enger oder weiter gemacht.

Wenn du ein (anliegendes) Kleidungsstück haben möchtest, das wirklich gut sitzt und keine Zugfalten hat, muss du das Schnittmuster an der richtigen Stelle anpassen – also z.B. nur das Vorderteil im Brustbereich.

Fazit

Kleidung passt nicht automatisch besser nur weil sie selbstgenäht ist.

Aber klar ist jetzt auch: wenn selbstgenähte Kleidung nicht passt, liegt es meistens nicht daran, dass du falsch oder ungenau nähst.

Sondern daran, dass:
    • ein Standardschnitt auf einen individuellen Körper trifft
    • Körpermaße fehlerhaft gemessen werden, ohne es zu merken 
    • Maße unvollständig betrachtet werden 
    • Konfektionsschnitte nicht ausreichend an den eigenen Körper angepasst werden.

Und genau an diesem Punkt wird es spannend.

Denn die gute Nachricht ist: Du kannst das alles ändern!

Du bist nicht darauf angewiesen, dass ein Schnittmuster zufällig perfekt zu deinem Körper passt und du musst auch nicht nur weite, formlose Schlabberkleidung nähen.

Deine eigene Kleidung zu nähen, kann wieder richtig viel Freude machen.

Denn es gibt verschiedene Wege, wie du zu Kleidung kommst, die wirklich passt.

Im nächsten Beitrag "3 Wege zu selbstgenähter Kleidung, die passt" zeige ich dir drei unterschiedliche Möglichkeiten, wie du an dein Ziel kommen kannst.

Sie unterscheiden sich, durch
    • die Vielfalt der Modelle, die du nähen kannst,
    • den Aufwand, den du betreiben musst, um ans Ziel zu gelangen
    • und ihren Schwierigkeitsgrad

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